ARIGATO, Otto-Müller-Verlag Salzburg, 2020, 194 S.

Vera wünscht sich ein Haus aus Papier. Ein Zuhause auf biegsamen Stäben, das nicht einstürzen kann. Ihre Familie ist nach dem großen Erdbeben in Friaul im Mai 1976 obdachlos geworden. Zuerst ist ein Zeltlager Veras neues Zuhause in Venzone, aber nach den weiteren Beben im September wird sie nach Lignano evakuiert. Von dort gelangt sie schließlich nach Villach zu Tante Rosa und Onkel Hans. Die beiden sind bereits 1940 in Folge der Option von Pontebba nach Villach ausgewandert. Während die Tante mit Vera eine liebevolle Allianz eingeht, dem Mädchen den heiß ersehnten Kimono schneidert und sie nach Alpträumen tröstet, zeigt Onkel Hans seine Abneigung gegen die "halbe Italienerin". Gefangen in seiner eigenen Lebensgeschichte wettert er gegen die "feigen Italiener", die "Verräter" südlich der Grenze. Vera aber weiß sich zu schützen. Sie träumt sich weg in die faszinierende Sphäre Ostasiens. Und verliebt sich in Hannes, der als langhaariger Sympathisant der Linken so gar nicht den Vorlieben des Onkels entspricht ...

Ein poetischer und bildstarker Roman über die Schatten der Geschichte im Alpen-Adria-Raum und über seelische Widerstandskräfte mitten im Chaos.

Was Augen hat und Ohren, Otto Müller Verlag Salzburg, 2019, 208 S.

Der rumänische Schauspieler Bogdan Marinescu ist nach zwei Jahrzehnten in Italien und Österreich in seine Heimat zurückgekehrt. Endlich kann er wieder Theater spielen, aber sein Künstlerleben bleibt prekär. Da kommt ihm das Angebot eines privaten Fernsehsenders gelegen. Dass der Besitzer des Senders, Traian Voicu, ein ehemaliger Mitarbeiter des Auslandsgeheimdienstes der Securitate ist und ihn nach seiner Flucht erfolglos in Italien aufzuspüren versucht hat, weiß Bogdan nicht. Der Oligarch Traian möchte nun mit Bogdan eine alte Rechnung begleichen. So schickt er ihn nach Italien, um für ein Reality-Format seines Senders Szenen aus Filmen von Fellini, Bertolucci und Pasolini nachzuspielen. Zugleich lässt er Bogdan mit versteckten Kameras lückenlos überwachen. Bogdan reist durch Italien und erfüllt seine Aufträge, bis er im Park der Villa Feltrinelli am Gardasee fast nackt wie ein Hund an der Leine bellen und an Kot schnüffeln muss. In einem aufgelassenen Zitronengarten kommt es zu einem Treffen mit Traian. Bogdan will eine Auszeit. Aber auf Social Media gibt es keine Auszeit. In Graz, wohin Bogdan zu Familie und Freunden zurückkehrt, beobachtet er für eine Weile, wohin Traians Mitarbeiter für Social Media sein digitales Ich reisen lässt, bevor er ihm schließlich auf die Insel Norderney folgt. Von dort schickt Bogdan anstelle der verlangten Berichte weiterhin nur poetische Miniaturen an Traians Büro. Der Tag des Ultimatums naht und Bogdan muss eine Entscheidung treffen …

Ein Rail-Movie quer durch Italien. Ein Schauspieler an der Leine der Unterhaltungsindustrie. Ein Leben, das die Kraft der Poesie in die Waagschale wirft und sich der flachen Sprache auf Social Media verweigert.

Im Glasturm, Verlag müry salzmann, Salzburg 2015, 198 S.

Wie klingt Musik am Rand der Stille?, fragt sich Clara, als sie sich nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder ans Klavier setzt und das Stück Für Alina von Arvo Pärt zu spielen beginnt.
Seit ihrem achten Lebensjahr ist sie gehörlos, eine Scharlacherkrankung hat ihr die Welt der Töne verschlossen. Statt der täglichen Stunden am Klavier beginnt Clara mit dem Falten von Papier, entdeckt die Kunst des Origami und bringt es dabei zur Perfektion. Später erlernt sie in Florenz das Handwerk der Gemälderestauration. Die Welt der Bilder wird Claras neue Heimat, aber auch die Musik lässt sie nicht los. In Träumen kommen ihr Melodien, sogar ganze Orchesterstücke, im Wachzustand aber kann sie Musik nur als feine Schwingung wahrnehmen. 
Von ihrem Bruder Paul gerufen, kommt Clara mit Anfang vierzig vom toskanischen Gut nach Wien, um ihr altes Mädchenzimmer zu räumen. Paul lässt sie Anteil nehmen an seiner Email-Korrespondenz mit einer schönen Russin. Und dann ist Paul auf einmal weg und sein Freund Leo, der zwielichtige Geschäfte treibt, hat in der Wohnung dessen Platz eingenommen. Clara fährt nach Hall in Tirol, um mit ihren dort lebenden Eltern über Pauls Verschwinden zu sprechen. Aber auf dem Weg zum Elternhaus verliert sie den Mut und mietet sich für einige Tage im Glasturm des Hotels nebenan ein …

Ein stiller Roman, der ein Leben in der Lautlosigkeit erfahrbar macht, aber auch von einer erfüllten Existenz trotz Einschränkungen zu erzählen weiß.

Cello, stromabwärts, Drava Verlag Klagenfurt/Celovec 2011, 196 S.

Mittelpunkt der Handlung ist ein altes, rotes Stadthaus, das aus allen Stockwerken von Musik durchflutet wird. Seiner Eigentümerin, die einst mit einem italienischen Opernsänger liiert war, sind Musiker die liebsten Mieter – vor allem solche, die es als »musikalische Gastarbeiter« aus dem Osten und Südosten Europas in die Stadt im Südosten Österreichs verschlagen hat. Die handelnden Personen: Ciprian, Cellist in zweiter Generation, und sein Sohn Luca, der sich vom Cello ab- und dafür umso obsessiver der Gambe zuwendet. Bogdan, kurz vor dem Ende Ceausescus aus Rumänien geflüchtet, ein ehemaliger Schauspieler, der, weil ihm sein Beruf in der fremden Sprache versagt ist, mit Barockengeln handelt. Livia, die Tochter der Hauseigentümerin, die ein Kind von ihm hat, sich aber von Ciprians Cellospiel noch mehr in den Bann ziehen lässt als von Bogdans Wortkaskaden. Alexej, der ukrainische Korrepetitor und Chorleiter aus dem zweiten Stock, die Sängerin Alena, auch sie aus der Ukraine, und viele andere mehr. Ihre Wege kreuzen sich, verstricken sich für einen Moment, lösen sich voneinander und treffen, kontrapunktisch gesetzten Themen gleich, doch immer wieder zusammen, in diesem Taubenschlag, der den in alle Winde Verstreuten eine zumindest provisorische Bleibe bietet. Der andere, mächtigere Gravitationspunkt aber liegt weit stromabwärts, im Schilfdickicht des verzweigten Deltas der Donau. 

Ein Roman, sprachlich und formal komponiert wie ein Musikstück.